Anitya – Alles ist im Wandel

„April, April, der macht, was er will.“
Wie oft hast du diesen Satz schon gehört? Meist mit einem Schmunzeln oder einem genervten Blick zum Himmel, wenn der Regen sich plötzlich gegen uns wendet, obwohl doch eben noch die Sonne geschienen hat.

Doch was wir so leicht dahin sagen, ist in Wahrheit eine tiefe, universelle Erkenntnis – eine Wahrheit, die in den alten Schriften des Yoga und in der buddhistischen Philosophie fest verankert ist:

Alles ist im Wandel. Nichts bleibt, wie es ist.

“Unbeständigkeit für beständig, das Unreine für rein, das Leidvolle für freudvoll, das Nicht-Selbst für das Selbst zu halten – das ist Unwissenheit.“

Yoga Sutra, 2.5

Die Yogaphilosophie fasst diese Wahrheit in einem einzigen Wort zusammen: AnityaUnbeständigkeit.
Ein Wort, das so schlicht klingt und doch eine der größten Herausforderungen unseres menschlichen Daseins beschreibt. Denn wenn wir ehrlich sind, fällt es uns oft schwer, das zu akzeptieren. Wir wünschen uns Sicherheit, Planbarkeit, Stabilität. Aber das Leben, genau wie das Wetter im April, hat einen anderen Plan.

Was die Yogaschriften über Anitya sagen

In den Yoga Sutras von Patanjali, dem vielleicht bekanntesten Grundlagenwerk der Yogaphilosophie, finden wir dazu eine klare und unmissverständliche Aussage:

Anitya Ashuchi Duhkha Anātmasu Nitya Shuchi Sukha Ātma Khyātiḥ Avidyā.“

„Unbeständigkeit für beständig, das Unreine für rein, das Leidvolle für freudvoll, das Nicht-Selbst für das Selbst zu halten – das ist Unwissenheit.“

Mit anderen Worten:

Wir leiden, weil wir das Vergängliche für dauerhaft halten. Weil wir uns an Dingen, Menschen, Stimmungen, Momenten festklammern, als könnten wir sie konservieren. Und weil wir vergessen, dass alles, was auftaucht, auch wieder vergeht.

Es gibt kein Kommen und Gehen. Alles verändert nur seine Form.
— Thich Naht Hanh

Der Frühling als Spiegel für das Auf und Ab des Lebens

Der April zeigt uns diese Unbeständigkeit in aller Deutlichkeit.
Sonnenschein und Hagel, laue Lüfte und frostige Nächte – alles in einem Tag.

Doch was wir im Außen oft belächeln oder beklagen, geschieht ebenso in unserem Inneren. Auch unsere Gedanken, Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse wechseln wie die Wolken am Himmel. Mal sind wir voller Tatendrang, mal erschöpft. Mal optimistisch, mal zweifelnd.


Das Leben tanzt. Die Frage ist nur: Tanzen wir mit? Oder kämpfen wir dagegen an?

‼️ Die großen Lehrerinnen und Philosophinnen des Yoga haben uns immer wieder daran erinnert, dass wir in diesem Tanz nur dann frei sein können, wenn wir die Unbeständigkeit nicht länger fürchten, sondern annehmen.

Alles ist perfekt, so wie es ist. Und es könnte noch ein bisschen besser sein.
— Zen-Meister Shunryu Suzuki:

Vergänglichkeit als Einsicht in der Achtsamkeitspraxis

Auch in der buddhistischen Praxis bildet die Erkenntnis der Unbeständigkeit eine der zentralen Grundlagen.
In der Tradition des Vipassana, der Einsichtsmeditation, spricht man von den drei grundlegenden Einsichten, die während der Praxis immer wieder erfahrbar werden:

  1. Anitya (Vergänglichkeit) – Nichts bleibt, wie es ist.

  2. Duhkha (Leiden, Unzufriedenheit) – Alles, was entsteht, trägt auch das Potenzial für Leid in sich.

  3. Anatta (Nicht-Selbst) – Es gibt kein festes, unveränderliches „Ich“.

Diese Einsichten sind keine philosophische Theorie, sondern gelebte Praxis.
Gerade erst haben wir uns in unserer Mindful Meditation Ausbildung, die kürzlich online stattgefunden hat, intensiv mit genau diesen Fragen beschäftigt.
In dieser Zeit ist vielen Teilnehmenden noch einmal deutlich geworden, wie tief diese einfache Wahrheit reicht – und wie schwer sie im Alltag oft anzunehmen ist.

Denn zu erkennen, dass alles vergänglich ist – unsere Gedanken, unsere Erfolge, unsere Beziehungen, unser eigener Körper – kann zunächst beängstigend wirken.
Doch wer sich dieser Wahrheit stellt, entdeckt dahinter etwas Erstaunliches: Freiheit.


Die Freiheit, das Leben jetzt zu leben.
Nicht morgen, wenn die Bedingungen „perfekt“ sind. Nicht dann, wenn alles sicher und klar ist. Sondern genau hier, mitten im Chaos, mitten im stürmischen Auf und Ab.

Wie wir Anitya auf der Matte und im Alltag üben können

Im Yoga üben wir genau das, was der April uns draußen zeigt: Nicht, das Chaos zu vermeiden, sondern darin Stabilität zu finden.

  • Wenn du dich in der Haltung wiederfindest, die heute leicht fällt und morgen schwer, dann kannst du beobachten: Nichts bleibt gleich.

  • Wenn die Gedanken während der Meditation springen wie Frühlingsstürme, kannst du erkennen: Auch das vergeht.

Vielleicht magst du in diesen Tagen einmal bewusst innehalten und dich fragen:

  • Wo versuche ich gerade, das Wetter meines Lebens zu kontrollieren?

  • Welche Stimmungen, Gedanken oder Gewohnheiten halte ich fest, obwohl sie längst weiterziehen wollen?

  • Wie könnte es sich anfühlen, das Auf und Ab einfach sein zu lassen – so, wie es ist?

🌿 Eine kleine Übung für stürmische Zeiten

Nimm dir in den nächsten Tagen jeden Morgen eine Minute Zeit, bevor du in deinen Tag startest.


Frage dich:
„Wie ist das Wetter in mir heute?“


Vielleicht sonnig, vielleicht grau, vielleicht voller Wind und Wolken. Vielleicht ruhig.
Statt daran etwas ändern zu wollen, nimm es einfach wahr.


Und erinnere dich: Auch das geht vorbei.
So wie jede Wolke weiterzieht, jeder Sonnenstrahl vergeht, jeder Sturm sich legt.

Der Frühling als Lehrmeister

Der Frühling zeigt uns, was das Leben uns immer wieder lehrt: Alles ist in Bewegung. Nichts bleibt, wie es ist.
Wenn wir lernen, damit zu sein, anstatt dagegen zu kämpfen, entsteht eine neue Form von Freiheit.
Eine Freiheit, die nicht darin liegt, das Leben zu kontrollieren – sondern darin, es in all seiner Unbeständigkeit zu umarmen.

Vielleicht ist das die größte Praxis überhaupt.
Und genau deshalb ist sie ein fester Bestandteil unserer 1jährigen Achtsamkeitsausbildung bei Urban Yoga Hamburg. Denn wer erkennt, dass nichts bleibt, weiß zugleich: Dieser Moment ist alles, was wir wirklich haben.

Und das ist Geschenk und Verantwortung zugleich.

Abschließen möchte ich mit einem Zitat meines Lehrers Jack Kornfield, das mich immer wieder begleitet:

Alles, was entsteht, vergeht. Also liebe, solange du kannst. Und halte nichts fest.
— Jack Kornfield
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Yoga und Krankheit